Quelle: http://bishopgeoffrobinson.org/usa_lecture.htm

Bischof Geoffrey Robinson
"die Zeichen der Zeit” wahrnehmend

(Papst Johannes XXIII, 1963)


WIE MAN MIT MACHT UND SEX IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE UMGEHT

 

Das Buch, das ich geschrieben habe [1], ist eine Reaktion auf die Enthüllungen bezüglich sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche. Wenn sich das Buch auch von diesem Thema wegzubewegen scheint, so ist doch jede einzelne Seite ein Teil dieser Antwort.

 

In den neun Jahren von 1994 bis 2003 war ich Mitglied und zuletzt Vorsitzender einer Kommission, die von den australischen Bischöfen zur Koordination einer nationalen Reaktion auf diese Enthüllungen eingerichtet wurde, in der Hoffnung, die ganze Kirche dieses Landes möge einheitlich sprechen und handeln. Ich sprach mit Hunderten von Opfern, einzeln und in Gruppen. Ich traf Täter und ich arbeitete mit Bischöfen und kirchlichen Führungskräften. Neun Jahre lang beherrschte dies vollständig mein Leben. Es gab viele Misserfolge, aber auch eine Anzahl von Erfolgen. Es war eine Erfahrung, die mich auf so viele Weise veränderte, dass ich, auch wenn ich es gewollt hätte, nicht mehr der Gleiche bin, der ich vorher gewesen war.

Daraus entstand die Überzeugung, dass, wollten wir jemals mit gutem Gewissen in die Zukunft blicken, innerhalb der Kirche ein tief greifender Wandel erfolgen müsse. 

Erstens muss es eine Untersuchung der unmittelbareren Ursachen des Missbrauchs geben, und da habe ich vorgeschlagen, sorgfältig drei Elemente zu untersuchen: ungesunde Psychologie, ungesunde Ideen bezüglich Macht und Sex, und ungesundes Umfeld oder Lebensbedingungen. Ich meine, wenn sich diese drei Dinge vereinigen, dass dann sehr wahrscheinlich die trübe Welt entsteht, aus der heraus Missbräuche kommen. Wir müssen in besonderer Weise alle institutionellen Faktoren in der Kirche betrachten, die zu einem Mangel and Gesundheit in einem dieser drei Gebiete beitragen können, und wir müssen zu radikalen Änderungen bereit sein, wo immer sie benötigt werden.

Zweitens müssen wir, außer die Missbräuche selbst, mit gleicher Ernsthaftigkeit die unzureichenden Reaktionen auf die Missbräuche untersuchen, denn diese führten zu ebensolchen Skandalen wie die Missbräuche selbst. Ich glaube nicht, dass es genügt, Bischöfen Vorwürfe zu machen und vorauszusetzen, sie seien entweder inkompetent oder böswillig. Wir müssen uns eher fragen, warum so viele nette, gute und intelligente Führer nicht so handelten, wie wir es erhofft oder erwartet hätten, und dabei müssen wir wieder die institutionellen Faktoren untersuchen, die zu dieser mangelhaften Reaktion führten.

Drittens meine ich, dass diese beiden Untersuchungsbereiche unausweichlich zu einem Studium aller Aspekte von Macht und Sex innerhalb der Kirche führen werden. Bei sexuellem Missbrauch geht es vor allem um Macht und Sex; um daher den Missbrauch zu verhindern, müssen wir die Freiheit haben, ernste Fragen bezüglich Macht und Sex in der Institution der Kirche zu stellen.

Ich meine, der fundamentale Unterschied zwischen mir und jenen Bischöfen, die mein Buch kritisiert haben, besteht im Ausgangspunkt der Diskussion. Ich meine, diese Bischöfe sagen, es gebe viele Lehren, Gesetze und Verhaltenweisen, die innerhalb der Kirche verkündet würden, und wir dürften diese Lehren, Gesetze und Verhaltensweisen nicht hinterfragen, auch nicht als Reaktion auf Missbrauch. Ich beginne beim anderen Ende, nämlich bei der Tatsache des Missbrauchs. Ich trete dafür ein, dass wir, um den Missbrauch zu verhindern, ihn genau untersuchen und dabei die Freiheit haben müssen, den Argumenten zu folgen, wohin auch immer sie führen. Wenn sie uns veranlassen, verschiedene Lehren, Gesetze und Verhaltensweisen zu hinterfragen, dann müssen wir die Freiheit haben, dies zu tun. Ohne diese Freiheit würden wir versuchen, mit verbundenen Augen und mit Handschellen auf die Missbräuche zu reagieren.

         Macht

Das Thema Macht ist komplex, aber ich weise auf zwei Faktoren hin. Der erste Faktor wird einen der Gründe angeben, warum Missbrauch erfolgte, der zweite wird verstehen helfen, warum die Reaktion unzureichend war.

        Die Mystik des Priestertums

Der erste Faktor kann als ein Missverständnis eines Satzes im Brief an die Hebräer zusammengefasst werde:

„Denn jeder Hohepriester wird aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott…..“ (5:1).

Der griechische Text besagt nur, dass ein menschliches Wesen so wie alle anderen für die Aufgabe des Priestertums ausgewählt wurde, aber die lateinische Übersetzung, die seit der Zeit des hl. Hieronymus bis vor einigen Jahren benützt wurde, sagte assumptus, „erhöht“, und daraus entwickelte sich eine Mystik des Priestertums (und in geringerem Ausmaß des Ordenslebens) als „erhöht“, auf einem Podest stehend, nicht wie andere menschliche Wesen. Das ist genau die Art von ungesunder Idee, die zu Missbrauch beitragen kann, und Sexualität ist eine der Weisen, in denen Priester und Ordensangehörige dazu gebracht werden können zu glauben, dass sie etwas Besonderes sind, anders als andere menschliche Wesen, und daher nicht den Beschränkungen wie andere unterworfen.

Es ist nie leicht, ein Ethos oder eine Mystik zu verändern, aber dieses Ethos muss sich ändern, denn es verneint die wesentliche Menschlichkeit des Priesters oder Ordensangehörigen und errichtet so eine Reihe von falschen Beziehungen im Herzen der Gemeinschaft. Priester und Ordensangehörige sind normale menschliche Wesen. Dies sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber sowohl Priester und Ordensangehörige einerseits als auch das katholische Volk andererseits haben auf diesem Gebiet noch viel zu tun. Ich finde, wenn immer Priester und Ordensangehörige versuchen, von ihrem Podest herunterzusteigen, dass dann nicht nur kirchliche Autoritäten, sondern auch viele aus dem katholischen Volk immer darauf bestehen, dass sie schnell wieder hinaufsteigen. Es gibt das allergefährlichste Bestehen darauf, dass Priester und Ordensangehörige vollkommen sein müssen, oder wenn sie das nicht können, zumindest vollkommen zu sein scheinen müssen. Eine große Zahl von Leuten glaubt an die naive Idee, „Priester und Ordensanghörige sind zölibatär, daher haben sie nicht wirklich sexuelle Wünsche und Gefühle wie die Übrigen von uns.“

         Schleichende Unfehlbarkeit 

Der zweite Faktor ist die päpstliche Autorität. Wir wissen, dass die Lehre von der Unfehlbarkeit besagt, dass der Papst in einer Angelegenheit, die feierlich ex cathedra verkündet wurde, nicht irren kann. Aber schrittweise hat im Laufe der Jahrhunderte dieser Schutz der Ex-cathedra-Ebene der päpstlichen Autorität bedeutet, dass auch andere Ebenen geschützt werden müssten.

Zum Beispiel benützt die Enzyklika Humanae Vitae über die Empfängnisverhütung nicht die Sprache der Unfehlbarkeit, und dennoch wurde so viel päpstliche Energie über so lange Zeit hinweg eingesetzt, um künstliche Empfängnisverhütung zu verurteilen, dass, würde man jetzt sagen, alle diese Päpste hätten sich geirrt, dies als ein schwerer Schlag gegen die päpstliche Autorität anzusehen wäre. Tatsächlich könnte man sagen, dass die weit verbreitete Ablehnung der Lehre von der Empfängnisverhütung während der letzten vierzig Jahre bereits diese Wirkung hatte, da die Leute sagten: „Ich bin überzeugt, dass der Papst in dieser Angelegenheit geirrt hat, wie weiß ich nun, dass er sich in vielen anderen Angelegenheiten nicht irrt?“ Als Ergebnis bewirkte diese Enzyklika eine Schwächung der Achtung vor allen Ebenen päpstlicher Autorität.

Ebenso haben die meisten Päpste die Idee weiblicher Priester zurückgewiesen, und diese jetzt zu akzeptieren würde als ein Zugeständnis betrachtet werden, dass alle Päpste zweitausend Jahre lang geirrt haben. Wenn Druck entstand, diese Angelegenheit zu diskutieren, wurde sie stattdessen auf eine Ebene hochgespielt, auf der Unfehlbarkeit im Spiel war und sogar Diskussionen darüber verboten werden konnten.

Ist die päpstliche Lehre, die homosexuelle Akte verbietet, unfehlbar? Nein, aber sie würde verteidigt werden, als ob sie es wäre, denn wieder einmal wurde so viel päpstliche Autorität in diese Lehre investiert.

Was ist mit all der kirchlichen Lehre über Sexualmoral? Da könnte es in dem einen oder anderen Punkt Raum für Bewegung geben, aber nicht im Kern der Lehre, denn wieder einmal wurde so viel päpstliche Autorität in diese Lehre investiert.

Wie ich vermute, ist die formale Sprache der Unfehlbarkeit weniger wichtig als die Menge der päpstlichen Energie, die in eine spezielle Lehre investiert wurde.

Um einen weiteren Schritt herunter zu machen: das Gesetz des priesterlichen Zölibats ist nicht mehr als ein Gesetz, und doch könnte eine jetzige Änderung bedeuten, dass die Päpste tausend Jahre lang geirrt haben. Wieder einmal wurde soviel päpstliche Energie in dieses Gesetz investiert, und so schwerwiegende Maßnahmen wurden ergriffen, um es einzuschärfen, dass sogar die Änderung eines bloßen Gesetzes die päpstliche Autorität auf allen Gebieten beeinträchtigen könnte. Als Ergebnis haben wir Beschützer der päpstlichen Autorität den Schluss ziehen sehen, dass, weil alle diese Päpste sich nicht geirrt haben können und der Pflichtzölibat daher keine entscheidende Ursache des sexuellen Missbrauchs sein kann, sie einen anderen Sündenbock finden müssten, und der, den sie fanden, waren Priester mit homosexueller Orientierung. Diese Art von Schlussfolgerung wird niemals die Wahrheit finden, denn es ist nicht bloß ein Irrtum, sondern eine Umgehung der Wahrheit, um die päpstliche Autorität zu beschützen.

Bevor sie geweiht werden, müssen alle Bischöfe einen besonderen Eid der Loyalität gegenüber dem Papst leisten (nicht gegenüber Gott, nicht gegenüber der Kirche, sondern gegenüber dem Papst). Dieser Eid ist ein Symptom für den dauernden und schweren Druck, der auf allen Bischöfen lastet, um jeden Preis und unter allen Umständen alle Ebenen der päpstlichen Autorität zu beschützen. Ein Bischof, der ein „Mann des Papstes“ ist, wird hoch geschätzt.

Dieser Druck verursachte in mir einen sehr persönlichen Konflikt zwischen meiner Loyalitätspflicht gegenüber dem Papst und meiner Loyalitätspflicht gegenüber jenem Teil der Kirche, den die australischen Bischöfe mir zugewiesen hatten, den Opfern des Missbrauchs. Es war der Konflikt zwischen dem „Mann des Papstes“ und dem „Mann der Opfer“. Der Konflikt wurde schließlich für mich zu einer wirklichen Krise, als der Papst dieser Jahre bezüglich des Missbrauchs keine wirkliche Führungsrolle ausübte und es unterließ, in den beiden Fällen etwas zu unternehmen, in denen er allein etwas hätte tun können (dies waren die Fälle des Kardinalerzbischofs von Wien und des Gründers der Legionäre Christi).

Der Papst ist in der katholischen Kirche sehr wichtig. Stellen wir uns vor, vor zwanzig Jahren, also 1988, hätte Papst Johannes Paul II eines Sonntagmorgens zu der Menge am Petersplatz gesagt: „Ich habe gerade einen Bericht über sexuellen Missbrauch durch Priester und Ordensleute erhalten. Priester, die unschuldige Kinder sexuell missbrauchen!! Ich habe niemals so etwas Schreckliches gehört. Lasst uns darauf so reagieren, wie Jesus reagiert hätte, mit Demut, Ehrlichkeit und Mitgefühl. Lasst uns den Opfern die Hand reichen und sie vor den guten Namen der Kirche stellen. Lasst unsere Reaktion ein Beispiel für andere sein. Ich bitte und ich fordere im Namen Jesu, dass mich alle Bischöfe darin aufs tatkräftigste unterstützen.“ Mit dieser Führungsrolle wäre die ganze Reaktion der Kirche anders ausgefallen. Die Loyalität der Bischöfe gegenüber dem Papst hätte sich zugunsten der Opfer ausgewirkt, nicht gegen sie. Stattdessen wurde von den Bischöfen Loyalität zu einem tiefen Stillschweigen verlangt.

Ich versuche nicht, alle Schuld einem einzigen Mann zuzuschieben, denn jeder ist schließlich für seine eigenen Taten verantwortlich, aber er war ein sehr starker Papst, der uns ständig an seine Autorität erinnerte. Und zur Autorität gehört aber auch Verantwortung.

Ich hoffe, dass diese wenigen Gedanken eine Idee davon geben, warum es bei der Reaktion auf Missbrauch wesentlich ist, über die unmittelbaren Erscheinungen des Missbrauchs selbst hinauszugehen und sich ernstlich mit allen Weisen zu befassen, in denen Macht innerhalb der Kirche verstanden und ausgeübt wird.

         Sex

Im Ersten Testament gibt es eine Anzahl sehr schöner Aussagen betreffend Liebe und Sexualität, vielleicht am meisten im Hohelied. Nachdem dies gesagt ist, muss man hinzufügen, dass diese schönen Aussagen dazu neigen, von den weitaus häufigeren Aussagen bezüglich zweier Grundsätze verdrängt zu werden, die bezüglich sexueller Beziehungen sehr wichtig waren: dem Grundsatz des Eigentums oder Besitztums, durch den die Frau das Eigentum ihres Mannes war, und dem Grundsatz der rituellen Reinheit, durch den viele Dinge oder Handlungen als rituell rein oder unrein betrachtet wurden. Jesus hob den Grundsatz des Eigentums auf, als er die überraschende und tatsächlich revolutionäre Aussage machte, dass ein Mann seiner Frau gegenüber Ehebruch begehen konnte, denn dies bedeutete, dass sie nicht sein Eigentum war. Er hob den Grundsatz der rituellen Reinheit auf, als er sagte, nichts was von außen in den Körper hineinkomme, könne eine Person unrein machen.

Das Problem für die frühe Kirche bestand darin, dass Jesus nach Aufhebung dieser beiden Grundsätze keine detaillierten Anweisungen gab, was an ihre Stelle treten sollte, und das ist ein wichtiger Umstand. Als Ergebnis des Fehlens einer spezifischen Lehre Jesu über Sex geschahen zwei Dinge. Erstens blieb etwas von der Eigentums- und Reinheitsethik in der Geschichte des Christentums haften. Zweitens war der Ersatz, den die Kirche für diese Grundsätze fand, nicht zufrieden stellend. Bezüglich Sex bestand der hauptsächliche Ersatz aus der Idee, was „natürlich“ sei, und innerhalb der katholischen Kirche führte dies schließlich zur Idee, jeder „natürliche“ Geschlechtsverkehr müsse sowohl ein einigendes Element (die Liebe und die gegenseitige Unterstützung der Ehegatten) als auch ein fruchtbares Element enthalten (die Offenheit für neues Leben). Die sexuellen Fähigkeiten zu benützen, wenn eines dieser Elemente fehlte, wurde als „unnatürlich“ und, was wichtig ist, als direkte Sünde gegen Gott betrachtet, weil es sich gegen eine göttliche Absicht richtete.

Dies führte zu ungesunden Folgen. Es bedeutete, dass sogar das Denken an Sex sündhaft war, und weil es eine direkte Sünde gegen Gott war, war jede sexuelle Sünde eine Todsünde. Dies brachte viele Leute dazu, bezüglich der Vermeidung von Todsünden zu verzweifeln und ein moralisches Leben aufzugeben. Am allerwichtigsten war, meine ich, dass es die Idee von einem äußerst zornigen Gott förderte, der jemanden wegen eines einzigen sexuellen Gedankens der ewigen Höllenstrafe überliefern würde. Es gibt hier so ungesunde Elemente, dass sie, wenn sie mit einer ungesunden Psychologie und mit ungesunden Lebensbedingungen verknüpft werden, leicht zu Missbrauch beitragen können.

Wenn man außerdem allen Nachdruck auf die Sünde gegen Gott statt auf das Vergehen gegen den missbrauchten Minderjährigen legt, dann werden diese Ideen zu einem direkten Teil der unzureichenden Reaktion auf den Missbrauch. Ein Vergehen gegen einen Minderjährigen wurde überwiegend und oft ausschließlich als sexuelle Sünde gegen Gott und daher genau wie jede andere sexuelle Sünde behandelt. Dies bedeutete Beichte, völlige Vergebung und Wiederherstellung des früheren Zustandes, und das war ein entscheidender Teil der Motivierung für die Praxis, solche Priester von einer Pfarre zur anderen zu versetzen. Tatsächlich kann die Forderung nach strengeren Maßnahmen auch heute noch zur Anklage wegen Mangels der christlichen Tugend der Vergebung führen.

Dem Problem kommt man nur bei, wenn wir bei der Vergebung vergangener Übeltaten auch die Notwendigkeit sehen, alle Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, um zukünftige Übel zu verhindern, und wir werden dies nur dann tun, wenn Nachdruck nicht auf einen direkten Verstoß gegen Gott, sondern auf eine Tat gelegt wird, die Gott wegen des unschuldigen Kindern zugefügten Unrechts zutiefst beleidigt. Ich glaube nicht, dass Gott sich über sexuelle Begierden oder Taten an und für sich entrüstet, sondern dass er sich sehr über Unrecht entrüstet, das anderen Leuten zugefügt wird. In Beziehung zu Sex meine ich, dass wir nicht als erste Frage stellen müssen, ob irgendeine von Gott festgelegte natürliche Ordnung verletzt wird, sondern ob auf irgendeine Weise eine andere Person, die Gemeinschaft oder man selbst Schaden leidet.

Ich meine auch, dass es nicht genügt, anderen nicht zu schaden, denn wenn Jesus auch nicht ausdrücklich sagte, wodurch er die beiden Ethiken des Eigentums und der Reinheit ersetzen wollte, er doch den übergeordneten Grundsatz festlegte, wenn er sagte „Liebet einander“. Den Nächsten zu lieben statt ihm bloß nicht zu schaden muss das wahre christliche Kriterium auf diesem Gebiet sein. Ja, dieser Grundsatz muss auf viele Weise ausgesprochen werden, ebenso wie die Zehn Gebote aussprechen, was einander zu lieben auf verschiedenen Gebieten bedeutet. Es bedeutet entschieden nicht, dass, wenn du jemandem gegenüber eine vorübergehende Zuneigung fühlst, du tun kannst was du willst. Zumindest bedeutet es, die andere Person an erste Stelle zu setzen, wie es jede wahre Liebe tun muss. 

Ich meine, wenn die Kirche von einer Sexualmoral abginge, die auf den künstlichen Konzepten von Natürlichem und Unnatürlichem beruht, zugunsten einer Moral, die auf Personen und Beziehungen begründet ist, und weg vom Konzept der direkten Beleidigung Gottes zur Idee des Schadens, der Personen zugefügt wird, dann würden wir schließlich die Sexualmoral auf dem Evangelium begründen statt auf einer Theorie, die zum Evangelium wenig Bezug hat. Wir hätten alle eine gesündere Grundlage für unser Verständnis von Sexualität und für unser Leben als sexuelle Wesen. 

Klarerweise ist das ein Gebiet, auf dem leicht Missverständnisse auftreten können. Ich bitte Sie, das Kapitel 10 meines Buches sorgfältigst zu lesen, bevor Sie mich zitieren.  

         Wie erreichen wir eine Änderung?

Weil ich dieses Buch geschrieben habe, sagen Leute ständig zu mir: „Das ist alles gut und schön, aber wie erreichen wir die Änderungen, von denen Sie sprechen?“. Erlauben Sie mir, eine Antwort in vier Teilen zu geben.

Erstens wird diese Änderung sehr schwierig sein, denn wir versuchen, eine Kultur zu verändern, und die Verteidigung dieser Kultur ist tausend Jahre alt und felsenfest. Simplifizierende Ideen werden wenig erreichen.

Zweitens müssen wir Konfrontation mit Dialog verbinden. Ja, es gibt Zeiten, in denen nur Konfrontation möglich ist. Diese war in der Situation von Boston im Jahre 2002 nötig, und sie ist nun wesentlich, um bei der Erkämpfung eines Wechsels eine Verjährungsfrist aufrecht zu erhalten. Wenn ein Bischof eine Straftat verteidigt hat, dann sollte er wie jeder andere Bürger verurteilt werden. Gleichzeitig müssen wir uns klar darüber sein, dass die größeren Änderungen, die wir anstreben, derzeit von niemand anderem als dem Papst ausgehen können, und wir müssen uns der relativen Machtlosigkeit der Bischöfe in Beziehung zur päpstlichen Macht und zum vatikanischen System, das sie stützt, bewusst sein. Da wir dabei die Unterstützung der Bischöfe benötigen, meine ich, dass wir uns nicht auf Konfrontation beschränken dürfen und dass wir den Dialog suchen müssen, wo und wann immer er möglich ist. Es wird ein langwieriger Prozess sein, in dem wir Bischöfe in den Dialog einbeziehen, ihnen schrittweise zeigen, dass es in jener Kultur, in der sie bisher lebten, Probleme gibt, und dass die neue Kultur, zu der wir sie einführen wollen, Schönheit und Freiheit besitzt. Der Titel meines Buches lautet: „Wie man mit Macht und Sex in der katholischen Kirche umgeht…“, aber es ist ein Umgang mit Sachverhalten, nicht mit Personen, wovon ich dort spreche.

Der dritte Teil meiner Antwort ist der, dass wir diesen Dialog benötigen, nicht nur mit Leitern, sondern so breit wie möglich unter allen Mitgliedern der Kirche. Je größer die Zahl der Leute ist, die mit einbezogen werden, und je klarer die Ideen der Leute betreffend die Kirche der Zukunft sind, desto besser ist die Aussicht, eine solche Kirche zu verwirklichen. Mahatma Gandhi sagte einst: “Wir müssen die Änderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.“ Und die Kirche, die ich sehen möchte, ist eine Kirche des Dialogs, nicht der Konfrontation, und das ist die Kirche, die wir jetzt sein müssen.

Der letzte Teil meiner Antwort ist der, dass ich meine, der beste Weg, widerstrebende Leiter in den Dialog zu verwickeln, ist gerade der bezüglich des Problems des sexuellen Missbrauchs, denn der Skandal des Missbrauchs war so groß, dass man mit Recht behaupten kann, es sei das einzige Thema, dass die Energie in sich hat, so etwas Mächtiges wie eine Änderung der Kultur zu bewirken. Alle Kirchenoberen haben zumindest eine tiefe Demütigung und Verlegenheit durch dieses Problem erfahren, und sie wissen zutiefst in ihrem Inneren, dass bezüglich dieses Problems die Päpste nicht die Führungsrolle gespielt haben, welche die Kirche benötigte. Sosehr sie jedoch das Gegenteil behaupten mögen, so wissen doch alle Leiter auch, dass wir noch viel zu tun haben, bevor wir mit einem klaren Gewissen in die Zukunft blicken können. Hier gibt es viel Raum für fruchtbaren Dialog. Eltern sind offensichtlich um den Schutz ihrer Kinder besorgt und kein aufrichtiger Leiter sollte sich weigern, das Thema mit ihnen zu besprechen.

Vorausgesetzt, dass es im Geiste des Dialogs und nicht der Konfrontation geschieht, möchte ich einige Vorschläge machen:

„Wir wurden so zutiefst schockiert über die Enthüllungen von sexuellem Missbrauch, dass unser Vertrauen auf die Kirche selbst ernstlich erschüttert wurde. Außerdem sind wir als Eltern um den Schutz unserer Kinder besorgt, und wir haben den Eindruck, dass noch nicht genug getan wurde, um ihre zukünftige Sicherheit zu gewährleisten.

“Wir meinen, dass Papst Johannes Paul II. in den beiden Fällen von Kardinal Groer und Pater Degollado sofort und freimütig handeln hätte müssen. Wir erwarteten tatsächlich eine weit stärkere Führungsrolle von diesem Papst ganz am Anfang dieser Krise. Er hatte so starke Führungsqualitäten auf so vielen anderen Gebieten, dass das Fehlen einer solchen entsprechenden Rolle auf einem Gebiet, das uns zutiefst betraf, uns verwirrt zurückließ.

„Trotz der begrüßenswerten Erklärungen von Papst Benedikt in den Vereinigten Staaten meinen wir, dass eine öffentliche und formelle Entschuldigung direkt bei den Opfern durch den von den Kardinälen umgebenen Papst in der Basilika von St. Peter nötig wäre. Diese Entschuldigung sollte 1) den Opfern versichern, dass sie keines Fehlers schuldig gewesen waren, denn sie waren Opfer mächtigerer Personen, die ihre geistliche Macht missbrauchten, die ihnen die Kirche verliehen hatte, 2) für alle Möglichkeiten ausgedrückt werden, auf denen Lehren, Gesetze, Strukturen oder Verhaltensweisen innerhalb der Kirche dazu beigetragen haben, und 3) ihnen versichern, dass die Kirche alle Aspekte der Angelegenheit untersuchen werde, um alles zu beseitigen, was zum Missbrauch beitragen könnte.

„Wir sind jedoch keineswegs damit zufrieden gestellt, dass die Kirche tatsächlich alles Mögliche unternimmt, um die Ursachen des Missbrauchs aufzudecken und sie zu beseitigen. Wir meinen, dass als erster Schritt es nötig ist, alle Wege zu untersuchen, auf denen Lehren, Verhaltensweisen, Gesetze und Praktiken der Kirche zu ungesunder Psychologie, ungesunden Ideen und ungesunden Lebensbedingungen von Priestern und Ordensangehörigen beitragen.

„Wir wissen, dass der Zölibat nicht die einzige Ursache des Missbrauchs ist, aber wir wissen auch, dass es unmöglich ist zu sagen, er hätte dazu nicht beigetragen. Wir möchten gerne eine spezielle Studie über diese Angelegenheit sehen, vor allem über die Wege, auf denen ein ungewünschter, nicht akzeptierter und nicht assimilierter Zölibat, der unter Priestern, einschließlich der Besten von ihnen, so häufig ist, zu ungesunder Psychologie (zum Beispiel schweren Depressionen), ungesunden Ideen (zum Bespiel Frauenfeindlichkeit) und ungesunden Lebensbedingungen (zum Beispiel Einsamkeit und mangelnde Unterstützung) beitragen können.

„Wir meinen, dass ganz offensichtlich der Pflichtzölibat nicht einfach als möglicher beitragender Faktor ausgeschlossen werden kann, was ja typisch für die bisherige Reaktion der Kirche war, in dem Sinn, dass wir wissen werden, dass die Kirche es ernst nimmt, sich mit dem Missbrauch auseinander zu setzen, wenn sie auch die Diskussion über den Pflichtzölibat zulässt, und wir wissen werden, dass sie es nicht wirklich ernst nimmt, solange sie Diskussionen darüber nicht gestattet.

„Wenn wir über die unmittelbaren Probleme hinausblicken, dann meinen wir, dass keine Untersuchung angemessen sein wird, wenn sie nicht alle Aspekte bezüglich Macht und Sex in der Kirche mit einbezieht, das heißt die Idee, dass Priester und Ordensangehörige „emporgehoben“ werden, die Notwendigkeit, den guten Namen der Kirche um jeden Preis zu beschützen, die Unfähigkeit, die Umstände um den Missbrauch in einem neuen Licht zu sehen, die Furcht, dass irgendwelche aufgeworfenen Fragen die päpstliche Autorität schmälern könnten, die Idee, Missbrauch sei in erster Linie eine direktes sexuelles Vergehen gegen Gott und nicht wegen des unschuldigen Kindern zugefügten Schadens eine Beleidigung Gottes, und die Notwendigkeit, zwischen der Vergebung vergangenen Übels und der Verhinderung zukünftigen Übels zu unterscheiden.

„Wir waren zutiefst unglücklich über die allgemeine Reaktion kirchlicher Autoritäten auf jeder Ebene zum Missbrauch und fordern eine Untersuchung, warum das so war. Insbesondere fordern wir eine Untersuchung jedes institutionellen Faktors, der zur Unangemessenheit der Reaktion und zu solchen Praktiken wie das Versetzen von missbrauchenden Priestern von einer Pfarre zur anderen beigetragen haben könnte.

„Wir meinen, dass ein Teil des Problems darin bestand, dass jeder Diözese und jeder Orden für sich reagierten, sodass die Gesamtreaktion sehr unausgeglichen war und das ganze Land schließlich unweigerlich nach seinen schlimmsten Fällen beurteilt wurde. Wir meinen, es müsse die Mittel geben, durch die das ganze Land in Krisenzeiten gemeinsam reagieren kann.

„Ein einzelner guter und heiliger Mann, Papst Johannes Paul II, war aus welchem Grund auch immer nicht in der Lage, auf die Krise angemessen zu reagieren, und als Ergebnis litt darunter die ganze Kirche. Wir meinen, dass die Ideen der Kollegialität und der Glaubenssinn der ganzen Kirche, die beide vom 2. Vatikanischen Konzil feierlich verkündet wurden, dringend konkrete Formen in spezifischen Strukturen erhalten müssen, die, hätten sie existiert, eine koordinierte und weitaus bessere Reaktion der ganzen Kirche auf den Missbrauch ermöglicht hätten.

“Wir wissen, dass es eine große Zahl von ehrlichen und eifrigen Katholiken gibt, die mit vielen kirchlichen Lehren, die Macht und Sex betreffen, ernste Probleme haben. Wir meinen, dass diese Katholiken so zahlreich und so ehrlich sind, dass ihnen ein ehrlicher Dialog über diese Fragen und nicht einfach die Auferlegung von Autorität und Verurteilung zusteht.“

         Eine neue Kirche

Ein Titel, dem ich diesem Buch ursprünglich geben wollte, war “Nichts ist so hässlich, nichts ist so schön.“ Das beruht auf einem Brief, den John Henry Newman ein oder zwei Jahre, bevor er der katholischen Kirche beitrat, an einen Freund schrieb und in dem es hieß: „Es gibt nichts auf Erden, das so hässlich ist, wie die katholische Kirche, und nichts, das so schön ist wie sie.“ Mitten in den Enthüllungen über sexuellen Missbrauch und in vielen der unerquicklicheren Details der Reaktion auf den Missbrauch war die Kirche so hässlich, dass Außenstehende sich mit Abscheu abwandten, während Insider wie wir selbst eine tiefe Scham und Verwirrung empfanden.

Gleichzeitig weiß ich, dass ich hauptsächlich zu Leuten spreche, die die Kirche nicht verlassen haben. Und sie haben sie nicht verlassen, denn sie haben die Schönheit der Kirche gesehen und erfahren. Wenn man die Hässlichkeit in der Kirche nicht sehen kann, dann schließt man seine Augen, wenn man aber die Schönheit nicht sehen kann, dann kennt man die Kirche nicht. Ich bin in der Geschichte des Missbrauchs einigen der hässlichsten Dinge in der Kirche begegnet, ich war auch in einer bevorzugten Stellung, einige der schönsten Dinge zu erfahren, nicht zuletzt in all diesen Leuten, die bereit waren, in den Schmutz und Unrat hinunter zu steigen, um Menschen zu helfen.

Trotz einiger negativer Reaktionen auf mein Buch ist dieses entschieden kein Angriff auf die Kirche oder der Wunsch, ihr zu schaden. Im Gegenteil entspricht es einem intensiven Wunsch, eine bessere Kirche zu sehen, eine Kirche, in der alles Menschenmögliche getan worden ist, um alle Formen von Missbrauch zu beseitigen, eine Kirche, die durch Freiheit zum Wachstum ermutigt, eine Kirche, in der es eher Dialog als Konfrontation gibt, eine Kirche, in der alle, Frauen ebenso wie Männer, Laien ebenso wie Kleriker, in gleicher Weise am vollen Leben der Kirche teilhaben und wachsen können, um all das zu werden, dessen sie fähig sind. Unter Berufung auf den Geist Jesu möchte ich eine neue Kirche für ein neues Jahrtausend sehen.

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Dies ist die berichtigte endgültige Version der Ansprache von Bischof Robinson während seiner Amerikareise, versandt von Australien am 21. Juni 2008. Der ursprüngliche Vortrag an der Temple University kann auf http://video.google.com/videoplay?docid=151187295790093121&hl=en angesehen werden.



[1] “Confronting Power and Sex in the Catholic Church – Reclaiming the Spirit of Jesus”